Wir rennen ins neue Jahr hinein. Über uns am dunklen Himmel steigen Feuerwerkskörper auf und verteilen ihre leuchtenden Funken in alle Richtungen. Rauch liegt in der Luft. Wie im Krieg, denke ich. M. umarmt uns und wünscht uns ein frohes, neues Jahr. Ich wünsche zurück. F. hat es wohl nicht gehört. Wir eilen durch die verästelten Wege Bretzenheims, wollen eigentlich aufs Feld. Aus den Nebelschwaden schälen sich immer wieder Silhouetten, schwarze Schemen, die an uns vorbeiziehen und dann wieder im Dunst verblassen. Ich wusste nicht, dass es an Silvester wohl Brauch ist, allen Menschen, denen man begegnet, ein frohes, neues Jahr zu wünschen. J. schreibt zu diesem Anlass immer nur „GR“ – Guten Rutsch. Die Menschen rufen uns ihre Glückwünsche zu, manche schon betrunken, andere schreien es in ihre Telefone. Wir sind schließlich so unglaublich digital. Schnell verbunden. Und entfernen uns doch immer weiter voneinander. Ich murmele etwas Undeutliches zurück.
Dann die Felder. Wir beobachten eine Zeit lang andächtig das Feuerwerk. Leuchtende, sich öffnende Blumen am Himmel. Irgendwie schön. Dann der Rauch. Schall und Rauch, denke ich. Schnell vorbei. Was bleibt, ist einfach nur Müll, richtig viel Müll. Am Neujahrsmorgen wird er auf den Straßen liegen. Wir entfernen uns immer weiter von den Menschen, gehen weg, das Knallen des Feuerwerks in den Ohren. Plötzlich werde ich nachdenklich. Doch, ja, auf jeden Fall bin ich froh, hier zu sein. Mainz – wieder eine neue Stadt. Wir biegen nach rechts ab, kehren zurück in die Siedlung, zu Menschen. Im rauchigen Nebel sieht alles geisterhaft aus. An einem kleinen See sitzt traurig ein Müllsack, vor dem wir uns ziemlich erschrecken, ehe wir erkennen, dass es ein Müllsack ist. Müll – das scheint das Motto von 2020 zu sein. Aus einem Baum steigt raschelnd eine Krähe auf und fliegt fort.
Zuhause bei M. schlagen F. und ich noch einen Purzelbaum. Das hatten wir uns vorgenommen. Es klappt ganz gut. Vorsätze fürs neue Jahr: Nicht älter werden, wie auch immer das gehen soll. Wenigstens innerlich, denke ich etwas melancholisch.
Das Frühstück bei M. und F. ist so behaglich. Der weiß-rote Kater Joschie streicht um unsere Füße, während wir Kaffee trinken und Brötchen essen. Später besuchen wir J., der nur wenige Minuten entfernt wohnt. Dort schlürfen wir unseren Tee und finden es sehr gemütlich. Irgendjemand kommt auf die Idee, dass wir versuchen sollten herauszufinden, welchen Personen wir ähnlich sehen. F. ist ganz eindeutig Schiller, J. womöglich Rasputin, ich könnte als Virginia Woolf durchgehen, nur bei M. fällt uns nichts ein. Später wage ich den Vergleich mit Anne Hathaway. Wegen der Lippen.
In Mainz fühle ich mich seltsam zuhause. Ich bin sehr entspannt, genieße diese Tage, die nur uns gehören. Bei M. spielen wir Klavier und singen, streicheln Joschie. F. wirft Leckerlis, die das kleine Raubtier zu neuen Höchstformen antreiben. Er springt dem Futter hinterher wie ein Tiger. Egal wie hoch die Kissenstapel sind, die er dabei zu überwinden hat.
Am Tag nach Neujahr fahren wir mit der S-Bahn in die Stadt. Natürlich laufen wir zum Dom mit seiner roten Fassade, die mich an die Architektur Heidelbergs erinnert. Heidelberg, die Stadt, an die ich mich gerne erinnere und die ja auch gar nicht so weit weg von hier entfernt liegt. Im Dom stellt sich wie immer diese leicht erhabene Stimmung ein, die altehrwürdige Kathedralen in uns zu erzeugen vermögen. Ich bin leider keine Kunsthistorikerin und vermisse an dieser Stelle N., die mir nun alles erklären und den Dom zu einer Geschichte machen könnte. Wir haben Glück – eine Tür neben dem Altar steht uns heute offen, die sonst immer zugesperrt sein soll. Ein Film-Team lichtet dort gerade Skulpturen ab. Wir sehen uns kurz um und verlassen den Raum wieder.
Am schönsten finde ich den Kreuzgang draußen. Um einen kleinen, grünen Garten scheint sich das rote Gemäuer mit den gotischen Fenstern geradezu herum zu winden. Wie schön wird das hier erst im Frühling sein, denke ich. Hier könnte ich bleiben.
Es wird schon dunkel, als wir zum Leichhof gehen. Wir schlendern durch die historischen Gassen von Mainz. Von Haus zu Haus sind Lichterketten gespannt, die über unseren Köpfen leuchten. Fehlt nur noch der Schnee. Manche Fachwerkhäuser sind mit Leuchtwerk geschmückt.
Verwilderte Papageien fliegen über einen verwaschen grauen Himmel.
Tags darauf verlassen J. und ich die Stadt. Wir fahren nach Wiesbaden, nachdem wir vorher noch köstlich vietnamesisch essen waren. J. zeigt mir das schönste Kino der Welt, das Caligari. Der Film, den wir uns ausgesucht haben, heißt Jam von Regisseur SABU.
Der Kinosaal ist ein Traum. Alles ist in Rot gehalten, wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Und riesig. Eine Empore schwingt sich über uns durch den Raum. Dort könnte man auch sitzen und sich wohl wie in einer Oper fühlen. Ein Flügel steht neben der Leinwand, als warte er darauf, gespielt zu werden Der Saal präsentiert sich im Jugendstil. An der Decke befinden sich schwarz-goldene Blätter, in denen sich die Konturen des Raums leicht spiegeln.
Dann beginnt der Film – und übertrifft meine Erwartungen. Ich mag den Klang der japanischen Sprache, die absurde Handlung, die am Ende doch einen Sinn ergibt, wenn man von so etwas sprechen darf, und die fremdartige Komik, wenn Hiroshi mit schweißnassem Gesicht singt: „Masako!“ Und Masako schreit: „Hiroshiiiiiiii!“
Am Samstag wollen wir eigentlich ein Tanz-Ensemble sehen. Leider fällt die Vorstellung aus, weil ein Tänzer erkrankt ist. Schade. Wir hatten uns so darauf gefreut. Dann eben keine Kultur. Wir trösten uns schnell und gehen stattdessen im Bullys Burger essen, einer kleinen Bude zwischen den Straßen, wo ich neben der Heizung sitze und in meinen Halloumi beiße. Lecker!
Der Abschied fällt manchmal schwer. Bei M. und F. trinken wir noch Zitronen-Gras-Tee und essen Spekulatius; dann bringt mich J. zur S-Bahn. Meine Stimmungslage ist irgendwie seltsam. Nicht bedrückt, doch auch keinesfalls euphorisch. Irgendetwas dazwischen. Ich setze mich in die Bahn und J. klopft nochmal ans Fenster. Ich winke. Mit einem Ruck fährt die Bahn an. Beim Bahnhof steige ich aus und warte auf meine Mitfahrgelegenheit. Das Auto ist mit mir nun voll besetzt. Gut so. 2020 sollten wir versuchen, ein Stück besser zu werden. Ein Vorsatz, der sich einhalten lässt.
Ob ich Wein getrunken habe, fragt ein Mitfahrer mich, weil Mainz doch so berühmt für seinen Wein ist.
Nein, sage ich. Nur Sekt.
Wir verlassen Mainz.
Weiter in das neue Jahr hinein.
Die Jahre gehn... Und doch ist's wie im Zug:
Wir gehen vor allem und die Jahre bleiben
wie Landschaft hinter dieser Reise Scheiben,
die Sonne klärte oder Frost beschlug.
(Rainer Maria Rilke)
