Je länger die Pandemie andauert, desto sehnsüchtiger reise ich in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Eigentlich wollte ich um diese Zeit tatsächlich in Bologna sein – aber das geht natürlich nicht.
Bologna, daran habe ich beste Erinnerungen.
An einem kühlen Tag im März letzten Jahres fuhren wir ab. Um 11 Uhr traf ich L. am Hauptbahnhof in München. Eigentlich hatte ich keine Lust zu fahren, denn ich hatte den Fehler gemacht, bis in die frühen Morgenstunden einen Geburtstag zu feiern. Durch den knappen Kilometer zu Fuß bis zum ZOB bekam ich den Kopf etwas frei. Mit einem starken Cappuccino war ich wieder auf dem Damm. Dann kam unser Bus. Wir verstauten unser Gepäck und fuhren los. Ich war eingeschlafen und schreckte plötzlich hoch. Wir hatten angehalten. In der Ferne waren bereits die schneebedeckten Alpen zu sehen. Blauer Himmel und dann – Ausweiskontrolle. L. wurde sichtlich nervös, als sie sah, dass ihr Ausweis vor drei Tagen abgelaufen war. Die Beamten machten sie nur freundlich darauf aufmerksam, ihnen ging es offensichtlich nur um die Kontrolle der Nationalität. Österreich. Steile Felswände, die uns einkesselten, hinter denen die Sonne hervorblitzte, weiße Wolken wie Watte in der Luft. Stein, so viel Stein, so viel massiver Berg. Über den Brenner, durch Tunnel, unsere Nasen am Fenster. Bald waren wir in Italien. Wir hielten in Bozen, in Trient, wo das Wasser der Etsch dunkel schimmerte und die Bergspitzen in der Ferne vom Licht der Sonne angestrahlt wurden. Nach einer reichlichen Stunde Fahrt erreichten wir schließlich Verona, Venetien. Die Altstadt. Ich fühlte mich sofort ins Mittelalter zurückversetzt. Uralte Brücken aus rotem Marmor, die Zinnen der Türme warfen lange Schatten; das zarte Abendlicht lag wie ein Schleier gespiegelt auf der Etsch; die weißen, so italienischen Häuser. Und natürlich eine echt italienische Pizza, was waren wir zufrieden! Später der Vollmond am dunklen Himmel, nur ein Stern leuchtete. Romeo und Julia; wo sonst, wenn nicht in Verona, hätte die Liebesgeschichte spielen können. An der Piazza dei Signori Dantes in Stein gehauenes Antlitz, düster über sein eigenes Inferno nachdenkend. Springbrunnen plätscherten sanft in der Nacht. Wir schlenderten durch die Gassen und umrundeten die Arena. An der Etsch entlang flanierten wir zurück zu unserem Hotel.
Ich fiel in einen tiefen Schlaf und erwachte frisch und ausgeruht. Wir wollten die Stadt erkunden. Unser Gepäck durften wir zum Glück im Hotel lagern. Durch das Arsenal liefen wir über die römische Bogenbrücke Ponte Pietra zur Arena von Verona. Nach einem kleinen Frühstück betraten wir das antike Theater. Welch ein Anblick! Neben dem Kolosseum in Rom das zweitgrößte Amphitheater der Welt. Fast 2.000 Jahre alt und eine unglaublich gute Akustik. Verdis Aida soll hier ein unvergessliches Erlebnis sein. Plötzlich glaubte ich Waffengeklirr und das Schreien von Gladiatoren zu hören. Ein Kurzschwert schien vor meinen Augen aufzublitzen, Netze flatterten vor meinen Augen durch die Luft. Ein Raubtier brüllte. Vielleicht war es die brennende Sonne, die mir die Bilder vorgaukelte. Außerdem hatten wir vergessen, uns Wasserflaschen zu besorgen. Eidechsen sonnten sich auf den Steinbänken und warfen uns gleichgültig träge Blicke zu. Wir gingen zur Casa di Giulietta, wo sich gerade ein Pärchen küsste. Romeo und Julia? Wir lachten. Im Osten Veronas, nicht weit weg von der Piazza Isolo, liegt einer der schönsten Renaissancegärten Europas, der Giardino Giusti . Wir gingen an gelben, duftenden Zitronenbäumen vorbei, hinauf zu einem Pavillon. Von hier aus sahen wir hinunter auf die rot marmorierten römischen Dachziegel Veronas. Der Palazzo, zu dem der Garten gehört, wurde im 16. Jahrhundert erbaut. Die grünen Terrassen breiteten sich unter uns aus. Der Tag war mild. Warme Luft umschmeichelte uns. Wir irrten durch ein Buchsbaumlabyrinth, eine französische Familie schien uns zu folgen. Die Gesichter der Statuen sahen versonnen an uns vorbei, der leere Blick weit in die Ferne gerichtet. Wir setzten uns auf eine Bank aus Stein. Wir wollten bleiben, wir waren wie in Trance. Irgendetwas schien uns festzuhalten. Wir rissen uns los. Es blieb noch etwas Zeit, zur Backsteinkirche Santa Anastasia mit der Kapelle der Familie Pellegrini zu gehen. Der Grabstein des fränkischen Adeligen Wilhelm von Bibra ist hier zu sehen, der 1490 im Palast der Pellegrinis verstorben war.
Wir packten unsere Sachen und setzten uns in den Zug nach Venedig.
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben,
stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
Ich lernte mit den Vögeln schweben, -
Nach Süden flog ich übers Meer.
(Friedrich Nietzsche)
