Ravenna sollte eigentlich der Abschluss unserer Italienreise werden. Doch es kam anders. So waren wir zunächst mit dem Zug von Bologna nach Ravenna gereist um anschließend wieder nach Bologna zurück zu kehren. In Ravenna hatten wir wieder ein Airbnb-Quartier gewählt, das leicht zu finden war. Wir kauften Piadine auf dem Markt und zogen uns frühzeitig mit einer Flasche Rotwein in unsere Wohnung zurück.
Ich lag in meinem bequemen Bett und betrachtete durch das Dachflächenfenster über mir drei Sterne, die am Himmel leuchteten. Damals träumte ich von einer Wohnung, die ebenfalls ein Fenster zum Himmel hat. Jede Nacht würde ich dann vor dem Einschlafen die Sterne betrachten. Mein Traum sollte wahr werden. L. kam dagegen nicht zur Ruhe und konnte lange nicht einschlafen.
Am Morgen schlenderten wir langsam zum Grab des im Jahre 1321 in Ravenna verstorbenen italienischen Dichters und Philosophen Dante Alighieri am Piazzale Dante, einem kleinen Tempel an der Außenmauer des Kreuzgangs der ehemaligen Klosterkirche San Francesco. Wir blieben vor einer verschlossenen, schweren, schwarzen Tür stehen, über der in lateinischen Lettern DANTIS POETAE SEPVLCRVM zu lesen war. Ravenna ist vor allen Dingen für seine Mosaike berühmt. In der Basilica di Sant´ Apollinare Nuovo stammen die Mosaike aus der Zeit Theoderichs. Im Eingangsbereich fanden wir den Palast Theoderichs und den damalige Hafen der Stadt abgebildet. Die Capella di Sant Andrea, ursprünglich Cappella Arcivescovile, die erzbischöfliche Kapelle, befindet sich im ersten Stock des erzbischöflichen Palastes. Das Bauwerk gilt als einziger erhalten gebliebener frühchristlicher Versammlungsort. Die Battistero Neoniano, das Baptisterium der Kathedrale von Ravenna ist das älteste erhalten gebliebene Bauwerk Ravennas. Die Taufkapelle stammt aus dem 4. Jahrhundert. In der Basilica di San Vitale sind Architekturformen aus dem Oströmischen Reich zu finden. Karl der Große hatte sich hier um 800 n.Chr. für die Aachener Pfalzkapelle Anregungen gesucht und Baumaterialien nach Aachen bringen lassen. Und weiter das Mausoleo di Galla Placidia. Kaiserin Galla Placidia hatte die Grabstätte zwischen 425 und 430 für sich bauen lassen, war allerdings in Rom gestorben und nie hier beigesetzt worden. Die hier zu sehenden Mosaiken sind die ältesten Ravennas.
Welche Pracht! Weiße Tauben, die von klarem Wasser tranken. Und wie das Gold der Steine an den Decken schimmerte! Mattes Licht fiel durch kleine Fenster in der Wand. Von dem blauen Himmel draußen war in den alten Mauern nichts zu merken. Geflügelte Engel, ein leuchtender Baum, der Schriftzug ABEL, weiße Blumen, die aus grünem Boden sprossen, IEREMIA, für den Propheten Jeremia, an anderer Stelle, weiß auf schwarzem Grund. Die heiligen drei Könige auf dem Weg zum Kind in der Krippe, ein Schiff mit weißem Segel, ein verwunschener Innenhof, ein Rapunzelturm, die Taufe im Jordan, blaue Vögel, entenähnlich. Die vier Evangelisten, ein Löwe, eine Schlange und die Berge – diese Steine erzählten Geschichten. So viele davon, dass es müßig wäre, sie nachzuerzählen.
Die kleinen Steine sprachen für sich selbst.
Und sonst? Ravenna, ein Mekka für Historiker und Liebhaber der Kunstgeschichte. Ravenna, die Stadt, die auch als die deutscheste Stadt Italiens gilt. Ravenna, die Stadt Theoderichs. Die Stadt der Goten, die von der Ostsee hierhergekommen waren. Das Nibelungenlied. Etwas planlos und vielleicht auch erschöpft von einer langen Reise liefen L. und ich durch diese Stadt. Wir waren eben keine Kunsthistorikerinnen und uns fehlte hier die Leichtigkeit Italiens. Still und leise fuhren wir mit dem Zug noch einmal nach Bologna. Was bleibt ist die Erinnerung an herrliche Mosaike und das Fenster zum Sternenhimmel, unter dem ich lag und träumte.
Träume deine Träume in Ruh.
Wenn du niemandem mehr traust,
Schließe die Türen zu,
Auch deine Fenster,
Damit du nichts mehr schaust.
Sei still in deiner Stille,
Wie wenn dich niemand sieht.
Auch was dann geschieht,
Ist nicht dein Wille.
Und im dunkelsten Schatten
Lies das Buch ohne Wort.
Was wir haben, was wir hatten,
Was wir – –
Eines Morgens ist alles fort.
(Joachim Ringelnatz)
