An einem Tag im Juli fahren Samuel und ich über eine unsichtbare Grenze und erreichen das Land, das so klein ist, dass man es kaum auf einer Landkarte finden kann: Andorra. Wir sind die ganze
Strecke von Kassel mit dem Auto gefahren und sind beide übermüdet; nun fährt Samuel in dieses kleine Bergparadies in den Pyrenäen und ich sitze auf dem Beifahrersitz und bestaune ehrfürchtig die
hohen Berge, die tiefgrün ineinander verschwimmen und sich mystisch gegen einen babyblauen Himmel absetzen. Ich bin froh, dass Samuel hier fährt, die steilen Kurven und den rasanten Anstieg der
Straßen meistert. Das Fürstentum Andorra hat 468 Kilometer Neuland für uns zu bieten und ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind. Unser Ziel ist Andorra la Vella, die Hauptstadt, wo ich das
billigste Wellnesshotel des Landes gefunden habe. Früher sind Menschen ja auch ohne Navigationssysteme Auto gefahren, aber wir tun uns ohne schwer, und so kippt die Stimmung kurz, als unsere
Handys streiken, obwohl Samuel extra Datenvolumen für dieses Land außerhalb der EU gebucht hat. An einer Tankstelle halten wir kurz, um das Problem zu beheben, und fahren dann weiter.
Nach Andorra la Vella fahren wir ein wenig hinab ins Tal. Trotzdem ist la Vella die höchstgelegene Hauptstadt Europas auf grob 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Die Straßenführung ist
abenteuerlich – und als wir endlich an modernen Neubauten mitten zwischen hohen, schroffen Bergen in Mäandern zu unserem Hotel, dem Andorra Palace, gegurkt sind, müssen wir mit Schreck
feststellen, dass kein ersichtlicher Parkplatz in der Nähe ist. Ich rufe bei der Rezeption an und erfahre, dass wir im Parkhaus eines zugehörigen Hotels parken können. Leicht gestresst und
übermüdet fahren wir also dorthin, erhalten unseren Parkplatz zugewiesen und schleppen dann das erste Paar Taschen durch die Straßen zum Andorra Palace, wo wir freundlich aufgenommen werden und
ein schönes Hotelzimmer beziehen, das den Blick freigibt auf die ikonische Avinguda Meritxell. In Andorra ist Katalanisch die offizielle Sprache und Avinguda bedeutet schlicht Allee.
Wir räumen unser Gepäck für zwei Wochen aus dem Auto ins Hotel und sind dann erst einmal ziemlich platt. Von der Frau an der Rezeption lassen wir uns Restaurants empfehlen und erfahren, dass die
katalanische Spezialität Fleisch ist, worüber ich ein wenig lachen muss. Wir gehen schließlich ins L’Orri, nur ein paar Meter vom Palace entfernt, wo es andorranische Küche gibt. Samuel verspeist
also konsequent eine Fleischplatte und ich gönne mir einen gegrillten Lachs, der wirklich sehr gut ist. Schnell stellen wir fest, dass Englischkenntnisse beim Service eher selten an der
Tagesordnung sind, und da wir beide weder Katalanisch noch Spanisch sprechen, helfen wir uns mit Händen und Füßen. Ein wenig Französisch hilft noch.
La Vella ist nicht groß. Es zählt grob 24000 Einwohner und hat damit ein eigenartiges Dorfflair, das sich mit modernen Stadtvibes mischt. Als wir in der Dunkelheit zurück zum Hotel schlendern,
gefällt mir diese Mischung sehr gut. Müde fallen wir in unser Bett und schlafen den Schlaf derer, die sehr lang Auto gefahren sind.
Die lange Fahrt fordert ihren Tribut. Wir schlafen gut aus und erkunden dann den Fitnessraum des Hotels. Samuel hat ein großes Bedürfnis nach Sport und Bewegung, und ich schnappe mir eine der
Matten und schleppe sie auf die Terrasse. Yoga im Angesicht der andorranischen Berge – ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen. Von hier oben ist der Blick weit, die Natur scheint so nah.
Heiß ist es, der Himmel blau.
Wir nutzen den Tag für eine gemütliche Erkundung der Stadt. Die Avinguda Meritxell vor unserer Haustür führt uns direkt an Restaurants und Shoppingläden aller Art zur katholischen Kirche Sant
Esteve d’Andorra im historischen Viertel. Die Pfarrkirche wurde schon im 11. Jahrhundert erbaut. Bevor wir jedoch eintreten, muss ich den Plaça Príncep Benlloch näher betrachten, ein kleiner
Platz mit grün blühenden Bäumen, einem Café, dem Santagloria, und hinter den Dächern der Stadt die bewaldeten, schroffen Berge. Über dem Platz flattern bunte Wimpelketten, die dem Moment etwas
sommerlich Leichtes und Feierliches zugleich verleihen. Wir wenden uns der Kirche zu. Daneben geht es verlockend in eine kleine Gasse bergauf, die mir besonders charmant und urtümlich
erscheint.
In der Steinkirche ist es kühl. Blumen stehen vor den Wänden. Rosa und weiß. Gemälde von Heiligen mit ihren goldenen Scheinen hängen darüber. Eine goldene Maria trägt ihren verwundeten Sohn, als
wäre es ein Leichtes, über ihr leuchten die bunten Glasfenster. Ein Ort der Stille ist das, der uns dennoch nicht weiter reizt. Wir treten hinaus in den Schatten der hohen Steinhäuser, durch die
enge Gassen führen. Bald stehen wir auf einem kleinen Platz an einem steinernen Brunnen, der von roten Blumen umrankt ist. Der Künstler hat den Brunnen so gestaltet, dass sich an seinem Rand
Menschen an den Händen fassen und um die Wasserquelle tanzen. Ich bin gerührt, Samuel findet es kitschig. An eine Häuserwand hat jemand kunstvoll ein A für Andorra gemalt, das in der Silhouette
des kleinen Landes thront. Zielstrebig führen uns die Gässchen zum zweiten Highlight der Altstadt, dem Casa de la Vall, dem ehemaligen Parlament Andorras, das zu seiner Zeit das kleinste in
Europa war. Vor dem Gebäude aus unverputzten Bruchsteinen, das 1580 als Patrizierhaus erbaut wurde, wächst ein knorriger Baum. Davor liegt ein weiter, leerer Platz, über den wir laufen, bis wir
an den Balustraden stehen und hinab in die Stadt blicken.
Hier in diesen alten Gassen fühlt man sich aus der Zeit gefallen, so als wären wir noch im 16. Jahrhundert unterwegs. Menschen sitzen an kleinen Tischen, essen, trinken und genießen das Leben.
Die Hitze treibt uns zum Fluss, der Valira, die in der Sonne glitzert. Wir schlendern durch einen kleinen Park, in dem die Leute auf der Wiese liegen und schlafen. Dort lassen auch wir uns nieder
und überlegen, was wir heute noch anstellen wollen. Wir beschließen, eine kleine Wanderung in die Berge zu machen. Der Weg führt uns an der Noblesse du Temps vorbei, einer surrealen, am Flussufer
stehenden Bronzeskulptur von Salvador Dalí, die eine dahinschmelzende Uhr zeigt, die von Engeln umgeben ist. Ob uns die Zeit hier auch dahinschmelzen wird?
In der Nähe des Plaça Príncep Benlloch führt ein Pfad hinauf in die Berge. Bald haben wir den Trubel der Stadt verlassen und laufen an einem kleinen Kanal entlang ins Grüne. Wir befinden uns auf
dem Rec del Solà, was sich als Wassergraben der Sonnenseite übersetzen ließe, einem Panoramaweg über Andorra mit guter Aussicht auf die Stadt. Wir gehen abwechselnd im Schatten und in der Sonne.
Unter tiefgrünen Büschen hindurch, die blauen Berge immer vor Augen. Die Anwohner bauen hier viel Gemüse an. Ihre Früchte sind mit grünen Netzen überspannt. Die Häuser der Stadt lassen wir immer
weiter zurück. Die Bäume wiegen sich sanft im leichten Wind. Und irgendwann ist es soweit. Ich sehe nach vorne und da ist nichts mehr übrig von dieser Zivilisation. Geradeaus sehe ich nur noch
Wald, Berge und den dunstblauen Himmel darüber. Die Sonne leuchtet durch grünes Geäst hindurch. Samuel und ich taufen den Ort Berg der Katzen. Überall nämlich liegen Katzen auf dem warmen Stein,
sonnen sich, die Augen geschlossen, das Fell etwas staubig. Besonders lange streicheln wir eine weiße mit schwarzen Flecken.
Am nächsten Tag führt uns der Camí ral de l’Obac weg von der Sonnenseite, so nämlich die Übersetzung: der königliche Weg der Schattenseite. Das steht auf einem kleinen, verwitterten Holzschild am
Rande der Stadt. Es weist bergauf in den Wald. Auch heute ist das Wetter hervorragend, der Himmel königsblau und von weißen Wölkchen gekrönt. Die dunklen Büsche neigen sich über den kleinen Pfad,
als würden sie seinem Spaziergänger huldigen wollen. Königlich in der Tat! Ich folge Samuel durch den Schatten der Bäume. Bald schon wird der Anstieg extrem steil. Und zu meinem Schreck gibt es
plötzlich keinen Schatten mehr. Stattdessen knallt uns die Sonne auf die Köpfe, ich schmiere mich wieder und wieder mit Sonnencreme ein und trinke Unmengen von Wasser. Zum Glück haben wir
reichlich dabei. Obwohl die Temperaturanzeige nicht so hoch ist, scheint die Luft zu stehen. Ich fühle mich, als würde ich Feuer atmen, muss immer wieder Pausen machen, mich beruhigen. Wir sind
komplett einsam auf dem schmalen Weg durch die duftende Bergvegetation, zu unserer Rechten geht es steil bergab. Samuel kämpft nicht so mit der Hitze; ihm liegt das Klima. Ich aber frage mich
sehnlich, wo der vielversprochene Schatten ist, und quäle mich in der heißen Luft. Doch sobald ein Stück Wald mich wieder hat, schwelge ich in der menschenleeren Natur, ihrem dichten Grün, den
Bergen überall um uns herum. An den Hängen in den Wäldern wachsen Orchideen, da bin ich mir ziemlich sicher, doch die Art bleibt mir unbekannt. Endlich haben wir das anstrengendste Wegstück in
der gnadenlosen Hitze hinter uns, und ich ziehe in einem dunklen Wald gefühlt jede Lage Kleidung aus, die ich habe, um meine Temperatur herunterzuregeln. Mein Kopf ist rot wie eine Tomate. Selbst
Samuels Wangen sind rot, sein Hemd völlig durchgeschwitzt. Jeder weitere Schritt bergauf zieht in den Beinen; ich ärgere mich über meine vermeintliche Unsportlichkeit. War ich solange schon nicht
mehr in den Bergen? Doch je länger wir im Schatten laufen, desto besser geht es mir. Die Wurzeln wachsen stark und unerschütterlich auf den Wanderwegen. Samuel erklettert moosbewachsene Felsen,
sieht von dort zu mir herab, das Gesicht im Schatten, sein Ausdruck mir verborgen.
Dann haben wir das Plateau erreicht, das Collet de Costa Seda auf 1626 Metern Höhe, wörtlich übersetzt der Seidenhang. Wie schön das klingt! Und wie wunderbar wir von hier ins Tal blicken.
Schroffe Felsen führen steil unter uns hinab zur Zivilisation. Zwischen den Steinen, die von gelben Flechten geziert sind, wächst die Hauswurz mit ihren Rosetten aus fleischigen, spitzen
Blättern, den dicken Blütenstängeln und den sternförmigen, rosa Blüten. Von der grandiosen Aussicht ins weite Tal können wir uns kaum losreißen, doch wir wollen noch auf dem Pass weiter zurück
Richtung Andorra la Vella. Der Weg lockt uns sattgrün und verschlungen im mediterranen Dickicht. Noch immer sind wir niemandem begegnet. Unsere einzigen Begleiter sind die grünblauen Berge, die
Wälder überall um uns herum. Bald haben wir wieder eine Felsenplattform erreicht, von der aus wir so weit das Auge reicht ins Gebirge blicken können. Ich fühle mich so leicht, obwohl der Anstieg
so schwer war. Dieser Ort jedenfalls scheint uns ideal für unser Picknick zu sein. Ungeschützt in die glühende Sonne wollen wir uns jedoch nicht setzen. Gleich hinter uns beginnt ein Stück Wald,
dessen Schönheit ich kaum fassen kann. Zwischen den hohen Stämmen tanzt das Licht, das Gras wirkt weich und wie gemalt. Zu unseren Füßen blüht die Knäuel-Glockenblume kräftig violett. Hier sitzen
wir lange, essen und trinken, saugen die Stille in uns auf. Keine Menschenseele ist hier. Doch dann hören wir etwas und wenig später kommt ein Motocrossfahrer mitten im friedlichen Wald den Berg
hochgerattert, dort, wo keine Wege sind. Es hat etwas Merkwürdiges, wie er so hochtechnisiert durch diese Idylle den Hang hinauffährt und dann einfach verschwunden ist. Wir gehen weiter. Andorra
la Vella ist nun schon ausgeschildert. Der Rückweg führt uns vorbei an fantastischen kleinen Aussichtsplattformen im Fels, bis wir schließlich einen breiteren Weg erreichen, der zurück zur Stadt
führt. Doch ehe wir la Vella erreichen, erwartet uns am Wegrand eine magische Figur: der Tamarro Andy. Die Tamarros, so beschreibt es unser Reiseführer, seien „schelmische Kreaturen – halb
Legende, halb Volksfantasie – die in den Wäldern Andorras leben. Diese Tierchen sind für den Schutz und die Erhaltung unserer Natur verantwortlich, und deshalb schätzen wir sie sehr. Insgesamt
gibt es sieben von ihnen im Fürstentum – einen in jeder Gemeinde.“
Wir sind nun also auf den Bosc de l’Andy geraten, eine einfache Route im Wald von Palomera, die sich an Familien richtet. Und hier stehen wir also vor Andy, dem Tamarro der Gemeinde Andorra la
Vella. Das Infoschild erklärt uns, dass Andy in einer anderen Welt lebt und über ein Portal in unsere gelangt. Gut gelaunt machen wir ein Foto mit der gigantischen hölzernen Figur dieses
bräunlichen, bärenartigen Geschöpfs, ehe eine Familie entgegenkommt und wir den Platz für sie räumen.
Der Abstieg ist landschaftlich malerisch. Am Wegrand haben Menschen (oder Tamarros?) kleine Steinmännchen gebaut, die jetzt lange Schatten werfen.
Den nächsten Tag nutzen wir zur Erholung, um unsere Muskeln nicht zu überstrapazieren. Ich yogiere auf der Dachterrasse des Hotels, lege mich faul auf die Liegen dort, sonne mich unter dem blauen
Himmel, höre Musik und blicke in die grünen Berge, während Samuel innen im Fitnessstudio schwitzt und so jeder auf seine Kosten kommt. Die Bedürfnisse sind so anders! Mittags finden wir ein
tolles japanisches Lokal in der Stadt, wo wir uns zu erstaunlich günstigen Preisen durchschlemmen und ich den Nachmittag mit einem Mochi beschließe, das mit einer Matcha-Creme gefüllt ist. Jeden
Tag ein kleiner Berg – dieser ist mit Puderzucker bestreut.
Und so endet der Juli und beginnt der August. Wieder begeben wir uns heute auf den Rec del Solà, doch gehen nun in die andere Richtung weiter. Bald laufen wir am Fluss entlang und ich genieße die
frische Morgenluft, den Anblick des kristallklaren Wassers. Am Ufer wachsen in unglaublichen Mengen violette Sommerflieder. Unsere Begleiter sind Schwärme von Kleinen Füchsen, Kohlweißlingen und
Russischen Bären. Der Weg ist pittoresk, der Strom wird breiter, je weiter wir wandern. Die weiße Gischt bricht sich an den kleinen Felsen im Wasser und eine steinerne Brücke führt bald über den
Fluss. Auf der anderen Seite wächst Tabak auf einem Feld, die Berge ragen nun schroff und steil neben uns in die Höhe. Allein die starken Bäume und Büsche ranken dort entlang, wo kein Mensch
gehen kann, und schimmern grün, türkis und silbern. Die Tabakpflanze ist uns nun schon öfter hier aufgefallen, doch jetzt erst lernen wir, was dort als ausladende Fächer aus der braunen Erde
sprießt. Nicht weit davon ist eine Kapelle in den Stein gehauen worden. Kerzen stehen einsam am Boden. In das Schloss des Gitters, das den Eingang versperrt, hat jemand einen kleinen Flieder
gesteckt. Der Fluss sprudelt wild vor sich hin, über Stock und Stein und vorbei an hohen Birken. Dann wird er wieder etwas ruhiger und während der Bachlauf sich verengt, wandelt sich auch die
Vegetation: Immer mehr Nadelbäume säumen nun den Weg. Mittlerweile ist es auch wieder warm geworden, der Himmel strahlt in sanftem Blau. Während wir auf unserer ersten Tour fast völlig alleine
waren, sind hier vieleLeute unterwegs. Jogger nutzen das gute Wetter, und Wanderer, so wie wir. Auf einem prächtigen Schmetterlingsflieder ruht ein Kaisermantel und leuchtet königlich orange. Ein
zweiter fliegt hinzu, und schließlich setzt sich ein Schwalbenschwanz ganz vorne auf die Spitze des Flieders und schwebt dort nah über dem Wasser. Samuel und ich sehen dem Treiben lange zu, ehe
wir uns losreißen. Wir biegen bald nach rechts ab in ein kleines Wäldchen, von wo ein Bach in den großen Fluss mündet. Wir laufen gegen den Strom, überqueren den Wasserlauf auf einer schmalen
Holzbrücke. Das Blattwerk der Bäume leuchtet hier gleißend grün. Durch den Wald geht es steil bergauf, bis wir auf einmal wieder im Freien sind. Samuel rennt wie ein Kind freudig den Berg hinauf,
das Gras leuchtet wie pures Gold in der Mittagssonne, die Bäume und Büsche werfen lange Schatten. Auf der Spitze des Berges steht eine alte Kirche, Saint Cristòfol d’Anyós. Die Infotafel verrät
uns, dass sie aus dem 12. Jahrhundert stammt. Leider ist das Gotteshaus jedoch verschlossen und wir können das Prachtwerk nur von außen bewundern. Wir lugen in den ebenfalls verschlossenen
kleinen Friedhof hinein, in dem ein seltsamer Steinturm erbaut wurde, den wir nicht näher zuordnen können. Ein Dorf schließt sich der Kirche an. Unser Weg führt uns durch die kleinen Gassen immer
weiter hinauf und mündet in einem lichten Wald. Hier sind wir völlig einsam. Ich lasse die magische Stimmung auf mich einwirken. Das leuchtende Moos, die Felsen, und dazwischen immer wieder
Glockenblumen, die angesichts des Berges demütig den Kopf hängen. Der Anstieg kostet viel Kraft, doch heute laufen wir im Schatten und ich bin nicht so am Ende meiner Kräfte wie zuletzt. Als wir
fast oben sind und die Vegetation wieder gedrungener wird, verlieren wir den Weg. Wir stapfen durch den Wald nach oben, während ab und an ein paar Mountainbiker an uns vorbeischießen. Vom Gipfel
aus haben wir eine prächtige Sicht auf Andorra la Vella. Wir picknicken hier, ruhen uns aus und machen uns dann an den Abstieg. Der Weg ist felsig. Wir müssen auf dem schwarzen Geröll acht geben,
nicht auszurutschen. Die Stadt unter uns scheint noch fern, da donnert es plötzlich gewaltig. Der Regen lässt nicht auf sich warten. Schon tröpfelt es und wir sputen uns, in tiefere Lagen zu
kommen. Gerade als wir eine Straße erreichen, die in die Stadt führt, ergießt es sich auf uns. Unter dem Dach eines Wohnhauses suchen wir kurz Unterschlupf und hoffen, dass das Schlimmste bald
vorbei ist. Es wird allerdings nicht besser, und so rennen wir durch den Regen die letzten Hänge hinab, bis wir wieder in gleißendem Sonnenschein und pitschnass Andorra la Vella
erreichen.
Am Abend des Folgetags beobachten wir aus unserem Fenster im Hotel eine seltsame Sache: Eine Tröte ertönt, während wir gerade auf dem Boden Brotzeit machen. Wir gehen zum Fenster und blicken
hinunter. Zwei gigantische Samsonfiguren in traditioneller Tracht tanzen die Straße entlang, begleitet von Einheimischen und Touristen, die klatschen und musizieren. Die gigantischen Röcke drehen
sich prächtig. Es folgen weitere Gigantes in anderen Kleidern und Farben, mit Mützen und über die Schulter geschwungen Hacken. Schließlich wird es fantastisch: Eine Elfe zieht die Straßen
entlang, vor ihr trippelt ein Gnom. Und dann kommt ein gigantisches Königspaar – oder mehrere. Ich habe den Eindruck, mir fehlt der historische Kontext für die Trachten, die alt und
multikulturell wirken. Verträumt stehen wir am Fenster und blicken dem fremden, bunten Treiben hinterher.
Mit jedem Tag, den wir auf Wanderschaft gehen, vergesse und verliere ich mich etwas mehr im Hier und Jetzt. Mit jedem Tag verlassen wir die Stadt von einer anderen Seite und erkunden so auch
Andorra la Vella aufs Neue. Am Folgetag im warmen August verlassen wir die Stadt nach Süden. Kaum, dass wir Dalís Uhr hinter uns gelassen haben, erheben sich am Ende einer langen, breiten Straße
die blauen Berge – und über die Straße gespannt ist ein Meer bunter Lampions, die leuchtende Reflexionen auf den Weg vor uns werfen. Ich fühle mich wie im Märchen, schreite durch die bunten
Flecken vor mir, geblendet von der Morgensonne über den Laternen. An den Häusern hängt die andorranische Flagge – alles wirkt so feierlich. So laufen wir durch die magisch verwandelte Shopping
Mall, vorbei am Centre d’Art und der Església de Sant Pere Màrtir, immer bergauf. Über eine mittelalterliche Brücke hinweg passieren wir moderne Kunst (ein Brunnen aus Badewannen und Rohren in
knalligen Farben), bis uns endlich ein Schild verspricht, dass wir uns auf den Camí de la Muntanya, den Bergweg, begeben. Er führt uns in das schönste Wandergebiet Andorras, das Vall del
Madriu-Perafita-Claror, das Welterbe ist und von den Flüssen Madriu, Perafita und Claror durchflossen wird. Ein mit flachen Steinen gepflasterter Weg verbindet das Tal, das nur zu Fuß erreichbar
ist, mit der Hauptstadt la Vella. Er liegt zwar im Schatten, führt aber steil bergauf, so dass wir gut ins Schwitzen kommen. Der Weg ist traumhaft schön und leitet uns ins grüne Paradies, vorbei
an alten Ruinen, die von Pflanzen überwuchert sind. Wir klettern über moosbewachsene Felsen, bewundern das Spiel von Licht und Schatten in den kleinen Wäldchen, und stehen schließlich an einem
rauschenden Wasserfall. Ein Sonnenstrahl beleuchtet ihn wie ein Heiligtum. Wir überqueren eine steinerne Brücke, passieren alte, verlassene Steinhäuschen und befinden uns bald wieder in lichterem
Terrain. Neben unserem Weg erstreckt sich eine idyllische Wiesenlandschaft, die den Blick auf das Tal zwischen den Bergen freigibt. So schön wie diese Wiesenstücke sind, so magisch sind die
Wälder, in denen zwischen dicht wachsenden schlanken Stämmen große Felsbrocken vereinzelt in die Landschaft gewürfelt sind. Viele Farne wachsen hier und geben dem Ambiente etwas von einem Urwald.
Als wir wieder Wiesenregionen erreichen, blockiert plötzlich ein kleiner, brauner Esel unseren Weg. Wir gehen höflich an ihm vorbei und lassen ihn das magere Gras auf dem Wanderweg suchen. Wir
sehen nun, wo er zuhause ist. Bei einer bewirtschafteten Hütte stehen seine Artgenossen und warten auf ihn. Hier können wir begutachten, wie traditionelle Landnutzungsformen immer noch gepflegt
werden: Kleine Steinmäuerchen auf der Weidelandschaft veranschaulichen pittoresek den Terrassenfeldbau. Wir passieren das Gut und beobachten einen grauen Esel, der seinen Kopf genüsslich an der
Hauswand reibt. Der idyllische Weg würde weiter geradeaus führen, doch wir biegen nun steil nach links ab und klettern einen Geröllberg hinauf. Bald sind wir wieder in einem lichten Nadelwäldchen
und auf erdigen Wanderwegen. Der Gipfel ist nicht weit. Auf einer Bank packen wir unsere Brotzeit aus und genießen die fantastische Aussicht. Von hier aus werden die Wege belebter; bergab finden
wir eine kleine Hütte, aus deren Kamin es kräftig dampft, und dann entdecken wir sogar den Tamarro Calde, den Schutzgeist der Gemeinde Escaldes-Engordany. Nicht weit von Calde ist eine
Aussichtsplattform, die den Blick auf Andorra la Vella freigibt. Zurück auf dem Wanderweg sind nun wirklich Menschen in Scharen unterwegs. Das Ziel aller ist ein kleiner Stausee. Wir lassen uns
mittreiben. Angekommen, sind wir über den Menschenandrang recht erstaunt, da im See weder baden noch fischen erlaubt ist. Die Leute setzen sich einfach an das Ufer und sind damit zufrieden. Wir
umrunden das türkisblaue Wasser, vorbei an Bäumen, deren gigantische Wurzeln in Hanglage frei in der Luft hängen, und einem Mädchen, das mit einem toten Fisch spielt. Der Weg um den See ist
wunderschön, führt mal nah am Ufer entlang und dann wieder durch ein blumiges Wäldchen.
Schließlich treten wir den Rückweg an. Es geht durch den Wald auf kaum erkennbaren Wegen steil bergab, ehe es wieder freundlicher wird, Schmetterlinge uns begleiten und verfallene, alte
Steinhäuser den Weg säumen. Eidechsen huschen vor unseren Füßen entlang. Als wir die Stadt erreicht haben, liefern wir uns noch ein Blickduell mit einer hübschen weiß-grauen Katze, die eine
Einfahrt bewacht.
Die Tage vergehen wie im Flug. Wir erkunden Wege um die Stadt herum, die immer wieder ins Grüne und in die Berge führen, essen Sushi in unserem japanischen Lieblingslokal, treiben wie die weißen
Wolken am Himmel durch dieses herrliche Land. Egal, wo wir sind, sehen wir die Berge. Man kann nicht genug von ihnen kriegen. Auf einer unserer kleinen Routen landen wir eines Tages zufällig in
der Stadt Santa Coloma und entdecken die präromanische Kirche gleichen Namens, die schon im 6. Jahrhundert erbaut wurde. Ehrfürchtig schleiche ich um das alte Gebäude. Ob ich hineinkann? Ich
stecke den Kopf durch die Eingangspforte, doch zwei Damen weisen mich darauf hin, dass die Kirche Teil des Museums nebenan ist, ich müsste dort ein Ticket kaufen. Innen waren Lichter zu sehen,
war Musik zu hören.
Einmal noch begeben wir uns ins wunderschöne Vall del Madriu-Perafita-Claror, um noch tiefer ins Tal zu kommen. Wieder ziehen wir frühmorgens durch leuchtend grüne Wälder, vorbei an
moosbewachsenen Felsen, überqueren Flüsse, passieren Wasserfälle, und schreiten durch bunte Blumenwiesen. Ich kann mein Glück, hier zu sein, nicht fassen. Im Gras stehen violette und weiße
Blüten, der Berg wirft einen gigantischen schwarzen Schatten auf die Felswand gegenüber – nur die oberste Kante wird von der Sonne erhellt. Samuel klettert auf den Steinen herum, während ich beim
Gehen immer mehr zu mir finde. Eine gestürzte Birke liegt am Ufer des Flusses, der sich steil bergab ergießt, ein Baum trägt rote Früchte. Auf einem Felsen im rauschenden Wasser wächst eine blaue
Blume, die meinen Blick magisch auf sich zieht. Und wieder führt der Weg durch ein Blumenmeer aus violett, gelb und weiß. Ich bin so entzückt, dass ich weinen könnte, mache ergriffen ein Foto –
nur um dann festzustellen, dass meine Speicherkarte voll ist. Erst will ich mich ärgern, doch dann nehme ich es als Zeichen, weiter in mich zu kehren, die Schönheit der Natur ganz auf mich wirken
zu lassen. Außerdem habe ich ja noch mein Handy, das auch eine Kamera hat ... Dennoch gehe ich eine Weile nur für mich, und habe nun die Zeit wirklich vergessen. Oder hat sie mich vergessen? Doch
als der erste Anstieg geschafft ist, der Himmel über uns wieder weit ist, begeistert mich die Landschaft wieder so sehr, dass ich das Handy zücken muss, um die Erinnerungen festzuhalten. Der Hang
hier wirkt vom Menschen vollkommen unberührt. Es scheint, als wäre hier noch nie jemand außer uns gewesen. Alles blüht, alles ist still. Ich atme die frische Morgenluft tief in mich ein. Blaue
Edeldisteln wachsen überall, und weiße Kümmelblättrige Silge. Stellenweise ist der Boden bedeckt von weißen Sternen, der Sand-Nelke. Wir erklimmen den Hang weiter und weiter; bald sind wir vom
schönen, aber giftigen Blauen Eisenhut umgeben, der als giftigste Pflanze Europas gilt und in Deutschland unter Naturschutz steht. Weiße Baumstämme liegen lose mitten auf der Heide und recken
ihre knorrigen Äste von sich. Vereinzelt leuchtet pink die Heide-Nelke im Gras.
Schließlich haben wir die Anhöhe erreicht. Ein wenig fühle ich mich wie in der Steppe oder auf der Alb. Wir überqueren die weite Fläche, bis es wieder waldiger wird und wir einem kleinen,
verspielten Bachlauf folgen, der uns bis zu einem kleinen Bergsee führt. Wir umrunden das stille Wasser, und da wir hier alleine sind, gehe ich baden. Samuel folgt mir wenig später. Das Wasser
ist herrlich, gar nicht so kalt. Die Steine im See verursachen kleine, feine Schnitte in den Zehen, doch das trübt die Erfahrung keineswegs. Danach liegen wir am Ufer in der Sonne. Ein
Schmetterling, der Schillernde Mohrenfalter, der in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Arten steht, lässt sich auf Samuels Arm nieder und will gar nicht mehr wegfliegen.
Dennoch wollen wir irgendwann weiter, erklimmen den nächsten Berg, von wo aus wir auf unseren geliebten See blicken, und ziehen weiter, um in einem Bogen zurück zur Anhöhe zu gelangen. Dort grast
eine Pferdeherde – eine weiße Stute trägt sogar eine Glocke um den Hals, so wie ich das sonst nur von Kühen kenne. Sie hat ein braunes Fohlen, das immer dicht an ihrer Seite geht.
Wir machen uns an den Rückweg, spitzen in eine der steinernen Schutzhütten, picknicken im hohen Gras und grüßen freundlich die Wanderer, die uns ab und an entgegenkommen, Andorraner, Spanier und
Franzosen. Das Vall del Madriu-Perafita-Claror wird mir in märchenhafter Erinnerung bleiben.
Am nächsten Tag erleben wir Kultur, wie sie schöner nicht sein könnte. Wir gehen nach Santa Coloma ins Mittelaltermuseum, wo wir tief in die frühchristliche Kunst Andorras eintauchen und in dem
kleinen, stillen Raum ganz alleine sind. Eindrucksvoll ist in einem Raum das Altargewölbe der Kirche Santa Coloma nachgebaut. Darin wurde die originale Wandbemalung rekonstruiert. Doch wie viel
schöner ist die Kirche selbst! Die beiden Frauen, die mich zuletzt ohne Ticket nicht eingelassen haben, sind nun sehr freundlich und zuvorkommend. Wir dürfen uns setzen und eine Lichtinstallation
wird gestartet, die fantastischer nicht sein könnte. Musikalisch untermalt wird hier die Zeit zurückgedreht, die Wandbemalung wächst und wächst, bis der Altarraum in seiner ursprünglichen, bunten
Pracht erstrahlt.
Noch einen Versuch wagen wir, ins Vall del Madriu-Perafita-Claror zu wandern. Doch das Wetter macht diesmal nicht mit. Während wir den Berg erklimmen, donnert es ohrenbetäubend und beginnt zu
regnen. Wir warten kurz ab, doch es wird nicht besser. Der Berg will uns heute nicht. Und so ziehen wir uns wieder ins Hotel zurück.
Und so bricht unser letzter Tag an. Wir entdecken in der Stadt gigantische Bücher, auch eine Treppe, die mit Büchern gepflastert ist. Entspannen uns im Poolbereich unseres Hotels und legen uns
aufs Dach auf die Liegen, wo wir dem eindrucksvollen Wolkenspiel zusehen. Wir blicken wehmütig auf die Bergsilhouetten. Samuel, der sonst ein zögerlicher Reisender ist, sagt, dass wir doch
hierhin zurückkehren könnten, doch ich bin mir nicht sicher. Diese Welt ist so groß und schön – es gibt noch viel zu sehen.
Am nächsten Morgen brechen wir früh am Hotel auf. Wir werfen unser Gepäck ins Auto, checken aus und verlassen die Stadt und das Land. Adieu, Andorra. Du wirst uns fehlen.
Kurzen Sommer blüht die Blume,
Denn das Schöne währt nicht lang,
Schwach Gedächtnis bleibt vom Ruhme,
Jubel schwindet und Gesang.
Deshalb wollen wir zur Neige
Schlürfen jeden Augenblick;
Blau der Himmel, grün die Zweige,
Sei nicht dumm und preis das Glück!
(Ferdinand Sauter)
