Mit meinen Schwestern fahre ich an einem verregneten Märztag nach Lübeck. Bereits der Bahnhof strahlt in rotem Backstein! Wir gehen zu Fuß über die Puppenbrücke zum Holstentor, dem Tor im Moor, wie ich albern scherze, vorbei an der rosa blühenden Pracht der Kirschblüten, die nun überall leuchten, hinein in die Stadt, entlang zuckriger Marzipangeschäfte. Wir steuern die erste Attraktion unseres Tagesausflugs an: ein Restaurant, in dem wir zu Mittag essen können. Die Wahl fällt auf einen koreanischen Laden, das Onni. Wir schlürfen eine Minze-Ingwer-Limo, teilen uns ein paar Teigtaschen mit köstlicher Füllung als Vorspeise und wählen als Hauptgang alle drei ein Bibimbap, ein Reisgericht mit fermentiertem Gemüse und rohem Ei im heißen Steintopf. Gestärkt und aufgewärmt machen wir uns dann auf zu unserem eigentlichen heutigen Ziel: dem Dom. Leider dürfen wir ihn nicht betreten, da eine Trauung stattfindet. Wir hören die Orgel das klassische Hochzeitslied von Wagner spielen. Vor dem Kirchenraum gibt es genug zu bestaunen. In der Vorhalle, dem Paradies, wird schon der Sektempfang vorbereitet. Wir bewundern die Torbögen und das prächtige Eingangsportal, das einzigartig erhaltene Bildhauerkunst der Frühgotik vorführt. Figürliche Konsolen stützen die Säulen und schauen uns erschrocken an. Eine wird durch ihre Kopfbedeckung als Jude ausgewiesen und trägt mit den Armen den Pfeiler über sich.
Die Türme sind hoch, so hoch und rot, so rot. Der Himmel ist eisgrau. Wir laufen an der Fassade entlang, gucken, ob nicht doch irgendwo Einlass möglich ist. Vergebens. Schließlich gelangen wir in den Kreuzgang der ehemaligen Stiftsgebäude. In der Mitte des Hofs blüht gelb der Ginster.
Nachdem wir den Dom einmal umrundet haben, führt uns der Weg weiter zur verblüffend nah gelegenen Attraktion der St. Marien-Kirche. Wir nähern uns vom Marktplatz aus, betrachten das Rathaus in schwarz glasierten Ziegeln. Immer wieder blitzt es golden; ein Schwarm schwarzer Vögel rauscht am Himmel darüber hinweg. Vor der Marienkirche werden Bücher, Töpferware und Schmuck verkauft – ich fühle mich ein wenig in der Zeit zurückversetzt. Ein Schild an der monumentalen Kirche erklärt, dass die Marienkirche der Hauptbau der norddeutschen Backsteinarchitektur ist und hier erstmals die französische Kathedralgotik in Backsteinmaterial umgesetzt wurde. Wir zahlen fünf Euro Eintritt und erhaltend dafür eine kleine Infobroschüre, die uns mitteilt, dass der Bau um 1200 von Rat- und Kaufleuten Lübecks initiiert wurde. Das prächtige Gewölbe überspannt in 38,5 Metern Höhe das Mittelschiff, die Türme messen gar 125 Meter. Ich frage Agnes, ob sie weiß, wie viele Bauarbeiter beim Bau der Kirche wohl gestorben sind, doch sie sagt nur vage „viele“, während wir an einer Gruppe melancholischer Heiligenfiguren vorbeischreiten: Eine alte Frau führt ein kleines Kind an den Händen; daneben prangt ein hell erleuchtetes Loch im Boden, wo Grabungsarbeiten stattfinden. In der Nähe des Antwerpener Altars zünden wir für unseren verstorbenen Großvater eine Kerze an. Eine Frau sitzt dort allein in Kontemplation.
Besonders kunstvoll finde ich das Sandstein-Relief des Bildhauers Heinrich Brabender (1475–1537), das das Abendmahl zeigt und in der linken unteren Ecke eine schwarz gewordene Kirchenmaus, die ihre Farbe all den Händen, die sie schon berühren wollten, verdankt. Rechts neben dem Abendmahl prangt ein wilder Mann, der ein Wappen mit drei Bäumen und einem Stern darüber trägt. Bei der Totentanz-Orgel informieren uns verschiedene Tafeln über die verheerende Zerstörung des Baus im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit. Vieles ist verloren gegangen, wovon heute moderne Rekonstruktionen wie von der astronomischen Uhr zeugen. Golden funkeln im Kreis die zwölf Sternzeichen.
Ausgekühlt verlassen wir die Kirche und gehen ins „Konvent“, ein enorm beliebtes Lübecker Café, wo an der Wand groß „Koffein statt Kokain“ steht. Ich trinke trotzdem lieber eine heiße Schokolade, die aufregend fruchtig schmeckt, während draußen der Regen vom Himmel prasselt.
Zurück zum Bahnhof nehmen wir wegen des schlechten Wetters den Bus, schieben uns im Bahnhofsgebäude durch die Menschenmassen zum Gleis und steigen in den Zug.
Was für ein gelungener Tagesausflug!
Ich bin mir selbst ein unbekanntes Land
und jedes Jahr entdeck ich neue Stege.
Bald wandr' ich hin durch meilenweiten Sand
und bald durch blütenquellende Gehege.
So oft mein Ziel im Dunkel mir entschwand,
verriet ein neuer Stern mir neue Wege.
(Christian Morgenstern)
