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Kaufungen

Die Welt wartet vor der Haustür. Und so trete ich am Pfingstsonntag auf den Weg vor meiner Wohnung, überquere die kleine Brücke, die sich über die Ahne schwingt, und sehe sogleich das weiße M auf schwarzem Grund, das den Märchenlandweg markiert, der hier bei uns vorbeiführt. Es ist acht Uhr morgens, die Luft ist frisch, der Himmel blau. Ich werde den ganzen Tag nur gehen. Keine Menschenseele außer mir ist draußen. Die Stadt ist so ruhig. Heute möchte ich die Etappe 9 des Märchenlandwegs angehen: von Kassel nach Kaufungen. Der Weg führt zunächst am Bach entlang nach Süden. Ich muss kurz eine Baustelle umgehen, ehe ich zurück auf meinen Weg komme. Ich überquere eine Straße, laufe weiter, vorbei an der Mutter, der berühmt-berüchtigten Kasseler Studentenkneipe, und erreiche den Universitätscampus am Holländischen Platz. Ich passiere die Mensa, schließlich sogar das Gebäude, in dem ich arbeite, und treffe dann meine heutige Weggefährtin: meine gute Freundin Flo. Gemeinsam queren wir zum Katzensprung und gelangen von dort zur Fulda, die einen majestätischen Anblick bietet: Grün windet sie sich durch zwei dicht bewachsene Ufer, die Bäume hängen satt und in voller Pracht nah über dem Wasser –zumindest wirkt es von oben so. Es ist nun bereits neun Uhr und ich staune, wie viel länger ich gebraucht habe, weil ich langsamer und bedächtiger gegangen bin als sonst. Wir folgen dem Fluss, der uns bald zur bildschönen Orangerie führt, die mir im Morgenlicht ein Gefühl von Italien vermittelt. Kleine Orangen wachsen tatsächlich vor der Gaststätte Grischäfer, die hier bewirtet, doch wir ziehen vorbei und gehen die Treppen hoch zum Friedrichsplatz. Von hier oben bietet sich ein herrlicher Ausblick auf die Karlsaue unter uns. Alles ist so üppig grün, und noch immer sehen wir kaum eine Menschenseele. Das weiße M führt uns über die Anhöhe bis zum malerischen Frühstückspavillon. 
„Hier müssten wir doch eigentlich frühstücken“, sage ich zu Flo, weil wir beide noch nicht gegessen haben. Wir stehen im Pavillon, die Aussicht ist fantastisch, doch eine Sitzmöglichkeit gibt es nicht. Also laufen wir noch wenige Meter zur Grimmwelt, wo wir eine formidable Bank im Schatten finden und unsere kulinarischen Schätze ausbreiten. Wir teilen uns eine zarte Zimtschnecke, futtern dazu saftige Erdbeeren und verspeisen zum Schluss noch je eine Banane zur Stärkung für den weiteren Weg. Mittlerweile ist es schon ziemlich heiß, und das im Mai. Es ist zehn Uhr. Der Märchenlandweg ruft! Wir kehren zurück zum Pavillon und laufen von dort hinab in die Aue. Auf den Alleen sind wir vor der Sonne geschützt. Doch wir bleiben nicht lange und biegen bald ab Richtung Auestadion und von dort in den Park Schönfeld. Mittlerweile habe ich die Zeit vergessen. Wir gehen einfach, vorbei an Radfahrern, die ein ordentliches Tempo vorlegen, und queren dann nach Niederzwehren, das auch als Kassels Märchenviertel bekannt ist, weil hier Dorothea Viehmann, eine Erzählerin der Brüder Grimm, lebte. Zu diesem charmanten Titel trägt sicher auch die hier noch erhaltene Fachwerkoptik des Stadtteils bei. Um 12 Uhr sind wir am Haus, auf dem in weißen Lettern geschrieben steht: Hier wohnte 1787–1798 die „Maerchenfrau“ der Brüder Grimm Dorothea Viehmann geb Pierson † 1815. Im Haus gegenüber wohnte einmal Kea, doch sie ist mittlerweile weggezogen. Nicht weit entfernt von diesem ehrwürdigen Ort setzen wir uns auf ein Mäuerchen für ein kurzes Mittagsmahl. Wir essen Croissants und dazu Schokolade, die erstaunlicherweise nicht geschmolzen ist – man gönnt sich ja sonst nichts. Mit jeder Pause wird mein Rucksack ein wenig leichter auf den Schultern. 
Von hier folgen wir dem Grunnelbach und verlassen Niederzwehren, bis wir auf die Giesenallee stoßen, die uns entlang der Fulda bis zur Damaschkebrücke führt. Hier überqueren wir den breiten Fluss und laufen nun entlang des Bugasees. Das herrliche Wetter und das Wasser haben mittlerweile allerlei Menschen angezogen. Es ist richtig viel los. Familien sind zum Planschen hier, Männergruppen grillen und hören dabei laut Musik. Wir stillen Wanderer scheinen hier etwas fehl am Platz zu sein. 
Da es jetzt schon so heiß ist, halte ich es für klug, uns gut zu hydrieren, und schlage Flo vor, bei der Strand Bar etwas zu trinken. Flo lädt mich auf eine Apfelschorle ein, die wir inmitten von Familien und Rentnern genussvoll trinken. Danach flanieren wir durch die badenden und feiernden Menschen an den Ufern des Bugasees entlang, treffen zufällig noch einen Freund, der mit einem Bier und seinem Fahrrad unter einem Baum im Schatten sitzt, und ziehen weiter bis zu den Schafweiden, wo wir verzückt stehen bleiben, weil frisch geborene, schwarze Lämmchen zwischen den erwachsenen Tieren herumstaksen – ein Anblick, der so anrührt, dass wir uns nur schwer von ihm lösen können. 
Erst als wir die Menschenmassen hinter uns gelassen haben, verliere ich auch endlich das Zeitgefühl. Wir laufen nur noch. Reden. Queren nach Waldau und spazieren entlang des Wahlebachs. Obwohl wir noch im Stadtgebiet sind, wird es hier einsam. Der Bach plätschert verheißungsvoll hinter der grünen Böschung. Spontan entscheiden wir, am Ufer ein kleines Päuschen zu machen. Wir setzen uns, verborgen im Grün mitten in der Stadt, auf den erdigen Boden am Ufer, ziehen die Schuhe aus und laufen barfuß durch das kühle Wasser, tapsen von Stein zu Stein. Wir futtern ein paar Nüsse und Riegel, bis wir uns gestärkter fühlen, und machen uns dann weiter auf den Weg. 
Irgendwann kommen wir vom Pfad ab. Wir folgen wie in Trance dem weißen M, obwohl es nicht mehr mit der Route übereinstimmt, die ich mir vorsichtshalber auf meiner digitalen Karte gespeichert habe. Egal, denken wir, gelangen so nach Lohfelden, wo ich schon einmal war – mit Kea. Nun wollen wir aber noch Kaufungen erreichen. Der Märchenlandweg ist gut ausgeschildert. Bald verlassen wir Lohfelden wieder, überqueren eine Straße und sind dann inmitten der Felder und folgen erneut dem Wahlebach. Allmählich werden wir müde, doch das Wetter ist schön, die Vegetation reich. Ein Baum jedoch ist völlig von der Gespinstmotte befallen. Wie ein karger, weiß leuchtender Gespensterbaum steht er nun am Bach und Flo sagt, dass sie sich durchaus vorstellen kann, wie zu solchen Naturerscheinungen Mythen, Märchen und Aberglaube entstehen können. Der Baum wirkt wie von Geistern befallen, ein Symbol des Todes, vor dem die Lebenden sich fürchten könnten.  Doch der Himmel ist blau und wir noch lange nicht am Ende. Ein wenig unsicher sind wir, wo der Weg uns hinleitet. Es geht bergauf. Fahrradfahrer passieren uns. In der Ferne sehen wir Kassel, den Bergpark. Und dann erreichen wir den Punkt, wo wir uns sicher sind, dass das M des Märchenlandwegs nun an Kaufungen vorbeiführen würde. Wir entschließen uns kurzerhand, einen Pfad durchs hohe Gras zu nehmen, der uns ans Ziel führen sollte. Wie weich der Boden sich nun unter meinen Füßen anfühlt – ich trage nämlich Barfußfschuhe. Auch Flo ist leichter: Sie fährt wie ein Kind mit den Armen durch die farbenfrohen Gräser neben uns. Wolliges Honiggras schimmert rosa um uns herum. Ich fühle mich wie in einem Traum. Es sieht so weich aus, dass wir gut Lust hätten, uns einfach hineinzuwerfen. 
Tatsächlich erreichen wir nun endlich Kaufungen. Doch kaum, dass wir den natürlichen Boden wieder verlassen haben, spüre ich meine Füße. Es ist fast sechs Uhr – so lange bin ich wohl noch nie mit den Barfußschuhen gewandert. Ich humple zunehmend, und bei Flo rinnen die Tränen. Trotz Allergie hatte sie sich unbeschwert dem hohen Gras hingegeben und zahlt nun den Preis, wie ich. So geschunden gelangen wir an das ersehnte Etappenende. Unsere Versuche, eine Kleinigkeit zu essen, scheitern an erstaunlich unfreundlichen Pizzaverkäufern und unserem Wunsch, draußen zu sitzen, aber nicht an einer befahrenen Straße. Müde schleppen wir uns zur Bahnstation und nehmen die nächste Tram nach Kassel. Ich kann kaum noch gehen und setze mich, so schnell ich kann. Doch egal, wie erschöpft wir auch sind – jeder Schritt war es wert, jeder unbedachte Moment im hohen Gras. Mit dem Märchenlandweg habe ich gerade erst begonnen. 

In dem Wald, dem dämm’rig düstern,
Hörst du’s rauschen, lispeln, flüstern,
Elfenmärchen – Duft und Schaum …?
Blumenkinder nicken leise,
Lauschen fromm der alten Weise
Von des Waldes Sommertraum …


(Lisa Baumfeld)